Charlottenburg, Berlin
Maximilian Kirmse
Emozoni
Haverkampf[Please scroll down for German version / Für Deutsch bitte scrollen Sie nach unten] "The theory of Water-Klopsity was conceived by Fid. Fischer after an intensive examination of Max Kirmse’s painting practice. This analysis was conducted in the first third of the 21st century, at a point in time when the theoretical study of painting was focused either on the economic creation of value within capitalist market mechanisms or on the growing importance of digital imagery. The ongoing disbelief that painting continues to be considered relevant in its very original form (painting surface and application of paint) leads either to an aura of significance in some cases or a devaluation in others. Direct encounters with its substance and possibilities are, however, increasingly marginalized by the never-ending, anxious referencing of the art canon of modernity. (…) The Origin and the Quotidian of the Water-Klops A specified assumption of Water-Klopsity is present in Max Kirmse’s oeuvre. In order to illustrate this in more detail, I would like to introduce the origin of this term. Water Klops is the colloquial name for the Weltkugelbrunnnen (World Fountain) on Breitscheidplatz in front of the Europacenter in West Berlin. It was designed by the sculptor Joachim Schmettau and allegedly also his partner, the sculptor Susanne Wehland, and constructed in 1983. The fountain’s nickname implies an affectionate and also somewhat crude acceptance of the structure by the inhabitants of Berlin, as is the case, for example, with the “Pregnant Oyster”. (…) The Water-Klopsity Principle The urban artwork Water-Klops frequently appears as a motif in Kirmse’s paintings. Through it, we encounter different perspectives and experiential water displays; a brief moment of a hot day, as in Wasserklops (Water-Klops), or a moment of relaxation, as in Am Brunnen (By the Fountain). These representations are not simply depictions of the place, rather, they are about Water-Klopsity as a principle. To what extent does the Water-Klops represent fundamental elements in painting, especially in the work of Max Kirmse? The painting Wasserklops from 2020 features the fountain in the background. Two people pass each other in front of it, a skateboarder and a pedestrian. Both appear uninterested in an encounter, and the only thing that unites them is their brief simultaneous presence in this location. Their similar coloration makes them equivalent to the buildings or the bus in the background. What is the significance of the Water-Klops here, and to what extent can we discern a principle? First of all, the Water-Klops is a place of encounter, a hub of human movement and activity. In Kirmse’s paintings and drawings, which I’ve characterized as depictive, i.e. in Warschauer, we observe a similar setting: Gatherings of people, categorized by their conventional diversity, cluster in his pictorial spaces. They appear to pass or meet each other, sometimes intentionally and sometimes less intentionally. The encounters themselves don’t have to correspond to reality in the philosophical sense, they reflect a human expression that is neither learned nor constructed. It is the existential, the basis for abstraction and thought. The people in Kirmse’s paintings seldom have a social function, in the sense of the hierarchical system that they represent. First and foremost, they just exist. Through the accumulation of multiple parallel lives, this moment is repeated and emphasized as a principle, and therefore free from evaluation." Fid. Fischer Excerpt from the catalogue text for Wasserklops, published by Floating Opera Press on the occasion of the exhibition Emozoni. ***** „Die Theorie der Wasserklopsigkeit kommt durch Fid. Fischer in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem malerischen Werk Max Kirmses im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts auf; zu einem Zeitpunkt, an dem sich die theoretischen Überlegungen zur Malerei entweder mit der ökonomischen Wertschöpfung innerhalb von kapitalistischen Marktmechanismen oder der zunehmenden Bedeutung der digitalen Bildwelt beschäftigen. Die andauernde Fassungslosigkeit darüber, dass der Malerei weiterhin in ihrer ganz ursprünglichen Form (Bildträger und Farbauftrag) Relevanz zugesprochen wird, verhilft ihr teilweise zu auratischer Bedeutung, teilweise zu Abwertung. Doch die direkte Begegnung mit ihren Inhalten und ihren Möglichkeiten marginalisieren sich zunehmend mit dem nicht enden wollenden, ängstlichen Referenzieren des Kunstkanons der klassischen Moderne. (…) Ursprung und Alltäglichkeit des Wasserklops Im Fall von Max Kirmses Werk ist dies die spezifizierte Annahme der Wasserklopsigkeit. Um diese genauer erläutern zu können, möchte ich an dieser Stelle zunächst den Ursprung ihres Begriffs vorstellen. Der Wasserklops ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den Weltkugelbrunnen am Breitscheidplatz vor dem Europacenter in Westberlin, der von dem Bildhauer Joachim Schmettau und angeblich auch seiner Partnerin, der Bildhauerin Susanne Wehland, entworfen und 1983 erbaut wurde. Der Eigenname des Brunnens deutet auf eine liebevolle und gleichzeitig etwas grobe Akzeptanz des Bauwerks durch die Berliner Bevölkerung hin, wie es etwa auch bei der „Schwangeren Auster“ der Fall ist. Die rötliche Halbkugel ist mit vielen hinzugefügten Skulpturen aus Stahl ergänzt, unter ihnen befinden sich ein Liebespaar, ein Krokodil, „kleine, böse Tiere“ (laut Infotafel), Harry der Dreher und einige andere. Die Mischung wirkt auf den ersten Blick beliebig, genauso die auf den Stein applizierten Zeichen wie etwa „ABC“, ein chinesisches Schriftzeichen oder etwa eine chemische Formel für Stickstoff. (…) Das Prinzip der Wasserklopsigkeit Der Wasserklops als städtebauliches Kunstwerk taucht häufig als Bildmotiv in Kirmses Malerei auf. So können wir durch ihn unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungsmomente mit dem Wasserspiel erleben, eine Momentaufnahme eines heißen Tages wie bei „Wasserklops“ oder den Moment einer Pause wie in „Am Brunnen“. Doch handelt es sich bei diesen Darstellungen keineswegs nur um eine Abbildung des Ortes, es geht vielmehr um die Wasserklopsigkeit als Prinzip. Inwiefern steht also der Wasserklops für wesentliche Bestandteile in der Malerei insbesondere der von Max Kirmse? Das Bild Wasserklops von 2020 zeigt den Brunnen im Hintergrund, vor ihm laufen zwei Menschen aneinander vorbei, ein Skateboarder und eine Fußgängerin. Beide scheinen keine Begegnung zulassen zu können, das einzige was sie eint ist die kurzweilige Gleichzeitigkeit ihrer Existenz an diesem Ort. Durch ihre gleichartige Farbigkeit werden sie zu gleichwertigen Elementen wie die Gebäude oder der Bus im Hintergrund. Was ist hierbei die Bedeutung des Wasserklops und inwiefern ist dadurch ein Prinzip zu erkennen? Zunächst ist der Wasserklops ein Begegnungsort, ein Knotenpunkt menschlicher Bewegung und Handlung. In Kirmses von mir als Abbildungsbilder gekennzeichneten Malereien und Zeichnungen wie etwa Warschauer, ist ähnliches zu beobachten: Menschenansammlungen in ihrer konventionellen Diversität aufgeschlüsselt, ballen sich in seinen Bildräumen, scheinen aneinander vorbeizulaufen oder sich mal gewollt mal weniger gewollt zu begegnen. Genau in dieser Begegnung, die nicht der Wirklichkeit im philosophischen Sinne entsprechen muss, geht es um einen menschlichen Ausdruck, der nicht erlernt oder konstruiert sind. Es ist das Existenzielle, die Basis für Abstraktion und Gedankenspielerei. Die Menschen in Kirmses Bildern haben nur selten eine gesellschaftliche Funktion, im Sinne eines hierarchischen Systems, die sie repräsentieren – sie existieren in erster Linie. Durch die Anhäufung multipler paralleler Lebenswelten wird dieser Moment wiederholt und als Prinzip hervorgehoben, ohne Wertung erfahren zu müssen.“ Fid. Fischer Auszug aus dem Katalogtext zu „Wasserklops“, erschienen bei Floating Opera Press anlässlich der Ausstellung Emozoni.
